REALISIERUNG RIEDHOF-WEST / HEIMATSIEDLUNG
Der Bau der
Heimatsiedlung von 1927-1934
Die Berliner
Bau -und Siedlungsgesellschaft „Heimat“, die dem
Gewerkschaftsbund der Angestellten (GDA) nahe stand, zeigte
Interesse am Gelände rund um den unter Denkmalschutz stehen-den
Gutshof „Riedhof“.
Dieses Gebiet,
zwischen dem Bahndamm und der Mörfelder Landstraße gelegen,
sollte nach den Plänen des Stadtbaurats Ernst May im Zuge der
Verlängerung der Wilhelmstraße nach Sü-den für den Wohnungsbau
erschlossen werden. Die Familie von Bethmann in deren Besitz
sich das gesamte Areal befand, war aufgeschlossen für die
fortschrittlichen Ideen Mays und war bereit eine Fläche von ca.
130000 m2 an die Siedlungsgesellschaft „Heimat“ zu verkaufen.
Hier sollte eine moderne, in Architektur, Ausstattung und
Mietpreis als beispielhaft geltende Wohnsiedlung für Angestellte, bevorzugt
für Gewerkschaftsmitglieder, entstehen. Die
architektonische Bearbeitung der Siedlung übernahm der in
Frankfurt renommierte Architekt Franz Roeckle.
Das
Bebauungskonzept wurde auf der Bauausstellung im Frühjahr 1927
der Öffentlichkeit vorgestellt. Es zeigt eine geschlossene
höhere mehrgeschossige Randbebauung entlang des Bahndamms und
der Verkehrsstraßen Wilhelmstraße (später in Stresemannallee
umbenannt) und Mörfelder Landstraße. Gleich eines Schutzwalls
oder einer Stadtmauer umschließt dieser
Außenring die inneren, parallel zur Mörfelder Landstraße
gele-genen niedrigeren
Hauszeilen.
Das neue
Wohngebiet, das nach der in Berlin-Zehlendorf gegründeten
gemeinnützigen Bau- und
Siedlungsaktiengesellschaft “Heimat“ bald nur noch
„Heimatsiedlung“ genannt wurde, entwickel-te sich in mehreren
Bauabschnitten beginnend im Süden an der Mörfelder Landstrasse zwi-schen 1927 und 1934. Auch die Bauleitung
der Gebäude und der Außenanlagen blieb beim
Architekten Franz Roeckle. Die ausführende Baufirma war die
Philipp Holzmann AG.
Geplant waren
ca. 850 Mietwohnungen verschiedenster Größe in Ein- und
Mehrfamilienhäusern, wobei die Etagenwohnungen, die in einer
Größe zwischen 60 und105 m2 geplant waren, in den Bauten
an der Bahnlinie und an den Straßenzügen untergebracht werden
sollten. Die inneren niedrigeren Zeilen sollten ausschließlich
mit Einfamilienhäusern, die alle eine Größe von ca. 130 m2
hatten, bebaut werden. Die Ende des Jahres 1929 einsetzende
Weltwirtschaftskrise machte es aber erforderlich mehr kleine und
somit preiswertere Wohnungen am Wohnungsmarkt anzubieten. Daher
wurden in den letzten Bauabschnitten in den Wohnzeilen an Stelle
von Einfamilienhäusern nur noch Mehrfamilienhäuser errichtet.
Auf diese Weise erzielte man eine Anzahl von mehr als 1000
Wohneinheiten, worunter lediglich etwa 50 Einfamilienhäuser
waren.
In einer
Broschüre aus den 30-er Jahren warb die „Heimat“ für ihre
Wohnungen im Frankfurter
Süden:
„In
bevorzugter Lage“
Unmittelbar
an den Stadtwald angrenzend, hat die „Heimat“ A.G. im Laufe
mehrerer Jahre eine in sich abgeschlossene Wohnanlage von über
tausend Wohnungen erstellt. In Grün gebettet, liegt diese
Stadtrandsiedlung am Fuße des Sachsenhäuser Berges, herrliche
Ausblicke auf den Taunus und den Sachsenhäuser Berg bietend. Das
Gelände ist in Wohnstraßen mit großen Grünflächen aufgeteilt;
jede Straße ist mit der Baumart bepflanzt, deren Namen sie
trägt; Ziergärten, Kinderspielplätze und Rasenbleichen umrahmen
die Anlage. Damit sind gesunde Lebensbedingungen geschaffen:
Viel Licht,
viel Luft, viel Sonne; rechte Erholung für den berufstätigen
Großstadtmenschen, ein Paradies für Kinder, die unter idealen
Verhältnissen heranwachsen können; aber auch die bevorzugte
Wohnstätte für alte Leute, die der wohlverdienten Ruhe pflegen
wollen.
Sämtliche
Wohnungen haben Wasser-, Gas- und elektrischen Licht-anschluss,
eingebaute Küche mit Spülbecken, Gasherd und Speiseschrank, ein
voll einge-richtetes gekacheltes Bad; Sie werden von einer
zentralen Stelle beheizt und mit Warmwasser versorgt, moderne
Wäschereianlagen schaffen der Hausfrau jede Erleichterung.
Die
Siedlung, die für viele Mieter eine wirkliche Heimat geworden
ist, bildet im Rahmen der Großstadt eine Kleinstadt für sich und
ist dank der denkbar günstigen Verkehrslage und bester
Verkehrsbedingungen doch auf engste mit der Großstadt
verbunden. Andererseits bietet der angrenzende Stadtwald für
Jung und Alt Gelegenheit zu Spaziergängen. Eine Reihe guter
Sport- und Tennisplätze in unmittelbarer Nachbarschaft geben die
Möglichkeit, jeden Sport zu betreiben...
Die
Einmündung der Reichsautobahnstraße nach den Süden und der neue
Verkehrsflug-hafen Frankfurts kommen ebenfalls in unserem
Stadtteil zu liegen...
Die
Geschichte der Heimatsiedlung nach ihrer Fertigstellung 1934 bis
heute
Zu Beginn des
2. Weltkrieges wurde die weiße Heimatsiedlung mit graugrüner
Tarnfarbe gestrichen. Dennoch wurde sie durch mehrere
Bombenangriffe stark zerstört, da sie vermutlich aus der Luft
wegen ihrer geschlossenen Form als Kaserne angesehen wurde.
Ende des
Krieges waren von den knapp 1100 Wohnungen mehr als 800
zerstört. Die beschädigten Gebäude wurden zum Teil in
Selbsthilfe repariert und umgebaut. Schließlich beteiligte sich
in großem Maße die Deutsche Bundesbahn an den Wiederaufbau-kosten
der Heimatsiedlung, wodurch sie Belegungsrechte ein-kaufte. Bis
etwa 1950 dauerten die Wiederaufbauarbeiten an. Um mehr Wohnraum
zu schaffen, wurden in der Straße „Unter den Birken“ aus jeweils
zwei Einfamilienhäusern drei Wohneinheiten gebildet. Auch wurde
die Eckbebauung „Unter den Buchen“ 1-2 in veränderter Form
neu errichtet (Straßennamen: Mauszeiger über Lageplan).
Als letztes
wurden die zur Entstehungszeit der Heimatsiedlung hochmodern
mit Koks befeuerten drei Heizungsanlagen für Heizwärme und
Warmwasser wieder in Gang gesetzt bis im Jahre 1964 der
Anschluss der Siedlung an das Fernheizsystem der Stadt
Frankfurt erfolgte.
Bis Ende der
70-er Jahre gab es
in der Heimatsiedlung keinerlei baulichen Veränderungen. Erstmals in den Jahren 1980 bis 1984 wurden Modernisierungs-maßnahmen durchgeführt, die sich jedoch im
wesentlichen auf den Einbau von Isolierfenstern und einer
Auffrischung der Fassaden beschränkte. Dabei wurde der alte
Strukturputz durch einen glatten Thermoputz ersetzt und die
ganze Siedlung erhielt einen neuen farbigen Anstrich.
Kurz nach
Abschluss der Arbeiten kam es zu Gerüchten um den anstehenden
Verkauf der Heimatsiedlung auf Grund der wirtschaftlichen
Schwierigkeiten der damaligen Eigentümerin der Siedlung der
„Neuen Heimat“. Nach dem Zusammenbruch des Konzerns übernahm die
Nassauische Heimstätte im Auftrag des Landes Hessen 1985 die
Siedlung mit der politischen Vorgabe, sie später an eine
Mietergenossenschaft zu übergeben. Auf diese Weise sollte eine
Umwandlung des Wohnungsbestandes in Eigentumswohnungen
verhindert werden.
 Denn schon Ende
1978 hatte die „Neue Heimat“ begonnen, die nach dem Wiederaufbau
verbliebenen 26 Einfamilienhäuser in der Strasse „Unter den
Eichen“ an ihre Bewohner für 105.000 DM zum Kauf anzubieten. Um die
zulässige Ausnutzung der Grund-stücke nicht zu überschreiten,
mussten die
Parzellen zu ungunsten der öffentlichen Rasenfläche vergrößert
werden. Es gab die
Auf-lage der Stadt, keine Abzäunungen vorzunehmen und die alten Ligusterhecken als Grenzbepflanzung zu erhalten. Leider wurde damals versäumt auch Auflagen für die Fassadengestaltung zum
Bestandteil des Kaufvertrags zu machen. Durch individuelle
Modernisierungsmaßnahmen wurde das vorher einheitliche
städtebauliche Erscheinungsbild in dieser Strasse stark
verändert.
Erst im Jahre
1989 wurde die Heimatsiedlung als Gesamtanlage wegen ihrer
künstlerischen und geschichtlichen Bedeutung, als eindrucksvolles
Beispiel des experimentellen Siedlungsbaus des Neuen Frankfurt
der Ära Ernst May, in die Liste der erhaltenswerten
Kulturdenkmäler des Landes Hessen aufgenommen.
Der in den
Jahrzehnten nach dem Wiederaufbau aufgelaufene hohe
Sanierungsbedarf von mehr als 100 Millionen DM führte dazu,
dass die angestrebte Überführung der Heimatsiedlung in eine
Genossenschaft scheiterte. Die von politischer Seite geforderte
2/3 Mehrheit für die Zu-stimmung bei
den Bewohnern konnte
nicht erreicht werden.
Die
Heimatsiedlung ging 1993 in den
Besitz der Nassauischen Heim-stätte über.
Seit
1997 führt
diese nun
in
einem 10-Jahresprogramm eine Großsanierung durch. Hier
wurde nun erstmals nach mehr als 70 Jahren die Erneuerung der
gesamten Heizungs- und Wasserversorgung in An-griff genommen.
Zusammen mit einer neuen Farbgebung der Fassaden wird versucht,
sich dem historischen Vorbild wieder optisch zu nähern.
Auf Grund
dieser großen Investitionen und einer kontinuierlichen
Veränderung in der Mieter-struktur der Siedlung, die seit 1985
mit Sozialwohnungsberechtigten belegt wird, sieht sich die
Nassauische Heimstätte veranlasst die zukünftige Belegung der
Wohnungen neu zu regeln.
Im Oktober
2003 wurde ein Kooperationsvertrag mit dem Magistrat der Stadt
Frankfurt geschlossen, worin in einem Wohnungstauschmodell
befristet auf zwei Jahre frei werdende Wohnungen frei vermietet
werden können. Auf diese Weise versucht man, einer sich abzeich-nenden
unausgewogenen sozialen Durchmischung entgegen zuwirken, um auch
zukünftig eine möglichst konfliktfreie Mieterstruktur sicher zu
stellen.
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