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DAS NEUE FRANKFURT - VERGESSENE MODERNE
DIE HEIMATSIEDLUNG

 
 

 
ENTWICKLUNG DES RIEDHOFGELÄNDES

Der geschichtliche Hintergrund

Frankfurt am Main war im 19.Jahrhundert zu einem bedeutenden Industrie- und Handelsplatz in Deutschland geworden und hatte sich zur modernen Großstadt mit weltstädtischem Flair ent- wickelt. Dementsprechend hatte sich innerhalb weniger Jahrzehnte die Zahl der Bewohner im Stadtgebiet vervielfacht, wobei die Wohnungsfrage breiter Schichten der Bevölkerung ungelöst blieb. Erst in der Weimarer Republik des 20. Jahrhunderts wurde das Recht auf menschen-würdigen Wohnraum für jedermann in der Verfassung verankert und die Lösung des Wohnungs-problems von den Kommunen als dringliche Aufgabe erkannt. Erst im Jahre 1924 wurde es jedoch den Städten nach der Einführung einer Hauszinssteuer möglich, groß angelegte Wohnungsbauprogramme zu finanzieren.

In Frankfurt machte der damalige Oberbürgermeister Ludwig Landmann 1925 den Architekten und Stadtplaner Ernst May, zum Stadtbaurat. May stellte sofort einen Entwurf zur Behebung der Wohnungsnot vor. Danach sollten für breite Schichten der Bevölkerung moderne Wohnungen in mehreren neuen Stadtrandsiedlungen geschaffen werden.
 

Die Stadtentwicklung im Frankfurter Süden 1925 bis 1930

Blick über Hippodrom nach Süden zum Riedhof (ob. Bildrand)Die Stadterweitung nach Süden war bis zum Amtsantritt von Ernst May im Jahre 1925 wenig vorangeschritten. Dies lag zum einen, an dem durch Erbteilung zersplitterten Landbesitz der in Sachsenhausen ansässigen Gartenbetriebe, und zum anderen an einer nicht entwickelten Verkehrs-erschließung im Süden von Frankfurt. Kam man von Norden, etwa vom Hauptbahnhof, über die Wilhelmbrücke (heute Friedensbrücke) zum Hippodrom, einem imposanten Kuppelbau mit der größten öffentlichen Reitbahn Deutschlands, endete die zur Allee ausgebaute Wilhelmstraße kurz hinter der Kreuzung mit der Forsthaus-straße (heute Kennedyallee) unterhalb der Bahngleise des Güterbahnhofs. An dieser Stelle der so genannten Verbindungsbahn liegt heute die S-Bahnstation der Linie Frankfurt - Darmstadt.

Das Areal jenseits des Bahndamms war in Besitz der Bankiersfamilie von Bethmann und wurde damals beherrscht vom Riedhof, einer in Deutschland einzigartigen achteckigen RiedhofGutshofanlage, die um 1810 nach Plänen des im Rhein-Main-Gebiet bekannten Franzosen Salins de Monfort als klassizistisch gestalteter Landsitz neu errichtet wurde.  Der Riedhof lag an der Mörfelder Landstraße, die aus Frankfurt-Sachsenhausen in westlicher Richtung führte. Das Gelände südlich des Riedhofs diente als Schafweide und war Gartenland. Hier wuchsen die Apfelbäume für den Frankfurter Äppelwöi. Hier hinaus zogen die Frankfurter in die „Buscheer“, einem typischen Apfelweinlokal, das es auch heute noch an gleicher Stelle gibt.

Im Zusammenhang mit der verkehrstechnisch erforderlichen Verlängerung der Wilhelmstraße entwickelte Ernst May und seine Mitarbeiter Böhm und Berke für das gesamte Gebiet zwischen den umlaufenden Eisenbahngeleisen ein großzügiges Siedlungsprojekt. Hier sollte eine moder-ne Siedlung mit 3000 Wohnungen für Mittelstandsfamilien entstehen. Zeitlich ist das Projekt Riedhof zwischen der ersten Maysiedlung im Süden der Stadt,  „Zick-Zack-Hausen“ in Frankfurt-Niederrad (1926), und der letzten von Ernst May geplanten Siedlung im Süden Frankfurts, der Goldstein-Siedlung (1930) einzuordnen.

Bebauungsplan "am Riedhof", 1928Die Bankiersfamilie von Bethmann, die sehr aufgeschlos-sen für die fortschrittlichen Ideen Mays war, stimmte dem Bebauungsplan unter der Bedingung zu, dass  der unter Denkmalschutz stehenden Riedhof zu erhalten ist. Zugleich machte Ernst May den Gutshof zum Mittelpunkt seines Entwurfes.

Von der Achteckanlage des Riedhofs strahlt eine breite Grünachse in südlicher Richtung aus. Sie steigt den Sachsenhäuser Berg hinauf und schließt mit einem monu-mentalen halbkreisförmigen Gebäude ab. Eine weitere große Freifläche, die als Sportgelände vorgesehen ist, erstreckt sich östlich des Riedhofes und geht in einen Grünzug parallel zur Mörfelder Landstrasse über. Die Strasse selbst wird als Ausfallstrasse nach Westen auf doppelte Breite ausgebaut. Die senkrecht dazu verlaufen-de Wilhelmstraße wird südlich des Bahndamms als neue Hauptverbindung weitergeführt. Zur 42 Meter breiten Allee ausgebaut, soll die neue Nord-Süd-Verbindung als Entlastungsstrasse für den Verkehr in den Stadtwald bis zur Isenburger Schneise geführt werden. Neben der Strasse soll auch ein Fußweg zum etwas nach Norden verlegten Reichsbahnhof „Louisa“ verlaufen. Durch das neue Siedlungsprojekt wird diese Bahnstation erst richtig an Bedeutung gewinnen, zumal es auch Überlegungen von Seiten der Familie von Bethmann gab, ihren „Park Louisa“ am Rande des Stadtwaldes zu parzellieren und ein Villenviertel in der Art des Berliner Grunewalds ent-stehen zu lassen.

Das Riedhofgelände heute

Die Bebauung des ehemaligen Riedhofgeländes zeigt sich heute wesentlich anders als Ernst May es in seiner Gesamtplanung vorgesehen hatte. Nach seinem Bebauungsplan wurde nur der Bauabschnitt Riedhof-West (Heimatsiedlung) nach Plänen des Architekten Franz Roeckle von 1927-1934 vollständig realisiert.

Bebauung heute Mörfelder Landstrasse, Riedhof OstDer Bauabschnitt Riedhof-Ost wurde erst nach dem Weggang Mays aus Frankfurt nach 1930 begonnen und nur zum kleinen Teil ausgeführt. Erkennbar ist die Bebauung entlang der Mörfelder
Tiroler ParkLandstrasse, dahinter die große Freifläche mit Promenade, heute  der Tiroler Park. Der Riedhof, um den herum sich die Planung Mays entwickelte, existiert nicht mehr. Seine Reste mussten in den 70-er
Brunnen Riedhof, Hintergrund: HeimatsiedlungJahren des 20. Jahrhunderts einer Hochhausanlage mit Altenwoh-nungen weichen. Es blieb nur ein Brunnen und dessen Umfassungs-mauern bis heute stehen.

Schon in den 50-er Jahren des 20. Jahrhunderts entstan-den hier soziale Einrichtungen wie die Riedhofschule oder die Osterkirche, ein evangelisches Gemeindezentrum
 mit Kindergarten und Kindertagesstätte.

Mörfelder Ldstr. - Stresemannallee, Blick auf ehem. Riedhof-Arealheutige Fritz-Kissel-Siedlung im SüdabschnittSpäter kamen dann einige Punkt-hochhäuser hinzu, die heute das Gebiet um den ehemaligen Riedhof prägen. Der große Südabschnitt wurde erst nach dem 2. Weltkrieg mit dem Bau der Fritz-Kissel-Siedlung (1950-1955) realisiert. Es entstanden hier ca. 2400 Wohnungen. Die Nachkriegs-architektur orientierte sich nur wenig an der Vorlage Ernst Mays. Die Planer der 50-er Jahre fürchteten die Monotonie zu langer Hauszeilen und entschieden sich für eine leichte Krümmung und Verschwenkung der Zeilenstruktur.

Aus dem Gesamtplan von May blieb der breite Grünzug erkennbar, der sich von der Mörfelder Grünzug mit Kirche als baulicher AbschlußLandstraße den Sachsenhäuser Berg hinaufzieht und mit der katholischen Kirche seinen baulichen Abschluss gefunden hat. Im Gegensatz zum ursprünglichen Bebauungskonzept Mays wurde nur etwa die Hälfte der vorgesehenen Fläche im Südabschnitt  bebaut. Noch ein großer Teil der verfügbaren Fläche bis zu den Bahngeleisen blieb bis heute von Bebau-ung frei und blieb Gartenland meist in Form von Kleingartenkolonien.

Tormotiv erinnert an HeimatsiedlungSchließlich versuchten die Planer in den 70-er Jahren wieder mehr in Annäherung an Mays Gesamtentwurf im Südwesten einen Abschluss der Siedlung baulich zu finden. Mit dem Tormotiv an der Mörfelder Landstras-se sollte eine Beziehung zu der gegenüberliegenden in den 30-er Jahren entstandenen Heimatsiedlung mit ihren markanten Torüberbauungen geschaffen werden.

Das zum Gesamtkonzept Mays gehörende Gemeinschaftshaus an der Kreuzung Mörfelder Kreuzung Mörfelder Lstr.- StresemannalleLandstraße /Stresemannallee wurde nie gebaut. Hier findet man heute eine eingeschossige Laden- und Gaststätten-Nutzung, wobei kurioser-weise das Nebenzimmer des „Wienerwalds“ auch heute gern als Ver-sammlungsraum genutzt wird. Die lebhafte Straßenkreuzung ist mit ihren Geschäften für den täglichen Bedarf, mit einer Poststelle, einer Bank-filiale, den Haltestellen für Straßenbahn und Bus zum eigentlichen Zentrum des ehemaligen Geländes am Riedhof geworden. nach oben