BEWOHNER
1928 –1933, die
Zeit der Weimarer Republik
Die Heimatsiedlung wurde von einer
Gewerkschaft, dem Gewerkschaftsbund der Angestellten (GDA)
finanziert und mittels der Berliner Bau- und
Siedlungsaktiengesellschaft „Heimat“ gebaut. Die Mieter mussten
kaufmännische Angestellte und Mitglieder des GDA sein und Aktien
zwi-schen 600 und 1200 Reichsmark je nach Größe der Wohnung
erwerben. Entsprechend war die Siedlung als attraktives
Wohnangebot für den aufgeschlossenen Mittelstand der 20-er und
30-er Jahre konzipiert.
 Wie in der Weimarer Republik Tradition, gründe-ten die ersten
Mieter im Oktober 1928 einen Mieterverein. Als
Interessenvertretung der Mieter befasste sich der Verein mit
den Mietrechts- und Abrechnungsfragen und vor allem mit der Organi-sation eines lebendigen Siedlungslebens wozu auch die
Herausgabe der Mieterzeitung „Heimat“ gehörte. Schaltstelle der Mieterorganisation war der Zeitungsladen im Heimatring, den es
auch heute noch gibt. Höhepunkt des Siedlungslebens war das
jährliche Siedlungsfest im Juli mit Musikumzug, Kinderumzügen
und der großen Illumination der gesamten Siedlung am Abend.
Ein Bericht in der „Neuen Zeitung“ von 1932 unter dem Titel
"Die Heimat-Siedlung - Ein Tag bei den Siedlern am Stadtwald –
Das Paradies der Kinder" beschreibt poetisch das angenehme
Leben in dieser neu errichteten Wohnsiedlung.
"... Die „Heimat“ ist so recht
eine Siedlung des Mittelstandes, der Angestellten, Kaufleute und
Beamten ... Luft, Luft, Luft ... ja, das hat diese Siedlung:
Viel, viel Luft.
Die Vorgärten zwischen dem
Hauptblock und der Eisenbahn lassen die Waldluft von jenseits
des Bahndamms bis an die Wohnungsfenster streichen. Zwischen den
Längsblocks liegen die grünen Vorgärten der Häuser,
der Stolz der „Großkapitalisten“, der Einfamilienhaus-besitzer. Abends, wenn die Papas aus
der Stadt kommen und von den Kindern abgeholt werden, duften die
Bäume, und man freut sich, dass man der Asphaltwüste entronnen ist
...
Die Siedlung lebt das Leben der Kleinstadt mitten in der Großstadt
Frankfurt. Da ist der Briefträger, den jeder kennt, die
Zeitungsfrauen, die Milchmänner. Da kommen die Lieferanten
herausgefahren, denn keine Siedlerfrau muß heutzutage in die Stadt,
wenn sie einkaufen will ...
Ja, so eine Siedlung ist heute eine wirkliche Heimat. Selbst in
politisch bewegten Zeiten ist es hier draußen ruhiger als in den
Wohngegenden der Stadt. Es wird beim Friseur gewählt, und wo sonst
Dauerwellen gemacht werden, machen wir Politik ..."
Dazu ist zu
vermerken, dass es diesen erwähnten Friseursalon bis vor wenigen
Jahren noch an gleicher Stelle mit gleichem Namen gab. Dort konnte man sich die Haare schneiden lassen und nebenbei
viele
Neuigkeiten aus der Siedlung erfahren.
1933 – 1939, die Zeit
im Dritten Reich bis zu Beginn des 2. Weltkrieges
Zu Beginn des Dritten Reiches gab es
erhebliche Spannungen zwischen der Berliner Zentrale der
Siedlungsgesellschaft und des Mietervereins, was die Belegung der
Wohnungen mit jüdischen Bewohnern betraf. Dies führte dazu, dass die
Mieterversammlung beschloss, das Heimatfest 1935 ausfallen zu lassen.
Viele Bewohner verließen in den folgenden Jahren die Siedlung oder
wurden deportiert. Nach der Gleichschaltung des Mietervereins
beschränkten sich die Aktivitäten des Vereins auf die Organisation
des Siedlungsfestes, das wieder von 1937 bis zum Ausbruch des 2.
Weltkrieges 1939 alljährlich stattfand.
Die Zeit im 2.
Weltkrieg und die Zeit des Wiederaufbaus nach 1945
Mehrere Bombenangriffe zerstörten die
Heimatsiedlung trotz grüner Tarnfarbe. Von den rund 1100
Wohneinheiten wurden mehr als 800 beschädigt, etwa 40 Menschen
starben bei den Angriffen.
Nach Kriegsende war die Siedlung
kurzzeitig zur Unterbringung von ehemaligen polnischen
Zwangsarbeitern beschlagnahmt.
Ende 1945 wurde die Heimatsiedlung
wieder an die deutsche Bevölkerung zurückgegeben. Viele ehemalige
Bewohner kamen jedoch nicht mehr zurück.
Der Wiederaufbau begann 1946. Die ersten
Mieter mussten sich verpflichten die übernommene Wohnung in
Selbsthilfe wiederaufzubauen. Später trug ein großer Teil der Kosten
die Deutsche Bundesbahn, die damit Belegungsrechte einkaufte. In den
ersten Nachkriegsjahren wohnten so viele Mitarbeiter der Deutschen
Bundesbahn in der Heimatsiedlung, dass ein Notbahnsteig an der Heimatsiedlung
vorhanden war.
In den 50-er Jahren wohnten, wie auch
schon in den 30-er Jahren, bekannte Schauspieler, wie Hans Joachim
Kulenkampff und Peter Frankenfeld in der Siedlung. Die seit Bestehen
der Siedlung vorhandenen kleinen Geschäfte und Gewerbeeinheiten
wurden nach dem Kriege viel-fach von Heimatvertriebenen aus dem Osten
übernommen, die gegenüber in der neu errichteten
Fritz-Kissel-Siedlung eine neue Heimat gefunden hatten.
Die 70-er Jahre, der
Beginn der Mieter- Mitbestimmung
Zu Beginn der 70-er Jahre wurde
anlässlich einer gerichtlichen Auseinandersetzung, dem sog.
„Rasenprozess“, den die Neue Heimat mit einer Familie der
Heimatsiedlung führte, die ihre Kinder auf dem Rasen zwischen den
Häusern spielen ließ, eine Mieterbefragung in der Heimat-siedlung
durchgeführt, dabei lehnten etwa 2/3 der Mieter eine Freigabe der Rasenstreifen zum Spielen ab.
Zu dieser Zeit wurde auf politischer
Ebene bei den
Wohnungsbaugesellschaften mit städtischer Beteiligung die
Einrichtung von Mieterbeiräten beschlossen.
Auch in der Heimatsiedlung musste ein Mieterbeirat gebildet werden.
Seine Funktion war nach Vorstellung der Neuen Heimat, als Mittler
zwischen Mieterschaft und Wohnungsgesellschaft aufzutreten, z.B.
beim Thema Spiel-plätze, Grünflächen, Gemeinschaftseinrichtungen oder
Instandhaltung und Modernisierung der Gebäude.
Für die Wahl des Mieterberates wurden
Hausgruppen von je etwa 25 Mietparteien gebildet. Jede Mietpartei
konnte einen Kandidaten aus dieser Hausgruppe für den Mieterbeirat
vorschla-gen. Im April 1971 wurden aus ihrer Mitte die ersten sieben
Beiratsmitglieder einschließlich ihres Vorsitzenden gewählt. Die
Funktion des Beirats war von Beginn an umstritten, da er kein
Weisungs- und Vertretungsrecht hatte und ihm keine Mitwirkung im
wichtigen Bereich Kosten zustand. Eine kleine Gruppe von Mietern
protestierte gegen die Einführung eines Mieterbeirates. Sie sahen
ihn als eine Alibifunktion, um eine Solidarisierung der Mieter zu
verhindern. Die Arbeit des Mieterbeirates in den folgenden Jahren
war daher bestimmt von dem Ringen um mehr Einflussnahme auf
Entscheidungen der Neuen Heimat.
Trotz aller Differenzen richtete die Neue Heimat, in deren Besitz
die Heimatsiedlung seit Ende der 30-er Jahre war, zum 50-jährigen
Bestehen der Siedlung ein mehrtägiges Fest aus, das an die
jährlichen Siedlungsfeste in den 30-er Jahren anknüpfen sollte. Es
gab die Illumination der Kleingartenanlage mit Preisvergabe, ein
Kinderfest, ein Preisskatturnier, einen großen bunten Abend mit
Musik und die Ehrung der Mieter der ersten Stunde. Alle waren sich
einig darin, nie mehr aus der Heimatsiedlung weg zu wollen, wegen
der attraktiven Lage, direkt am Stadtwald und doch nahe zur
Innenstadt, der Ruhe in den Wohnstraßen und nicht zu letzt wegen des
ausgezeichneten Verhältnisses untereinander. In seiner Festrede
stellte der damalige Leiter der Hausverwaltung der Neuen Heimat
Herbert Dörfler fest:
"In keiner anderen unserer Siedlungen
sind die Wohnungen so begehrt wie in der Heimatsiedlung."
Die 80-er Jahre, das
Ringen um die Genossenschaftsidee
Die 80-er Jahre waren für die Bewohner von der drohenden Privatisierung der Heimatsiedlung
geprägt. Schon
Ende1978 bot die Neue Heimat 26 Einfamilienhäuser in der Wohnzeile
„Unter den Eichen“ ihren Bewohnern für 105.000 DM zum Verkauf an.
Als es Mitte der 80-er Jahre zum
wirtschaftliche Zusammenbruch der Neuen Heimat kam, wurde im neu
gegründeten Mieterverein der Kauf der Siedlung in Form einer
Genossenschaft als Ziel festgeschrieben, falls kein gemeinnütziges
Wohnungsunternehmen bereit sein sollte, die Heimatsiedlung zu erwerben. Über
200 Mitglieder traten auf der Gründungsversammlung dem Mieterverein
bei. Der Vorstand bestand vor allem aus Mitgliedern des aufgelösten
Mieterbeirats. Sofort gab der Mieterverein wie sein Vorgänger in den
30-er Jahren eine Zeitung unter dem Namen „Die Heimat“ heraus, die
monatlich erschien. Bis Ende 1985 war der Mitgliederbestand auf 700
Mitglieder angestiegen, das waren 2/3 aller Haushalte.
Es gab viele Aktionen, wie
Unterschriftensammlungen, Demonstrationen und Diskussionsforen. So
wurde auch das Genossenschaftsmodell auf den SPD-Parteitag in
Nürnberg vorgestellt.
Die Genossenschaftsidee scheiterte auf Grund veränderter politischer
Gegebenheiten und an der fehlenden von den politischen Gremien
geforderten 2/3 Zustimmung der Bewohner, da diese durch die
geschätzten 100 Millionen DM an Sanierungsbedarf sehr verunsichert
waren.
Die Heimatsiedlung blieb im Besitz der neuen Eigentümerin der
Nassauischen Heimstätte.
Die 90-er Jahre bis
heute, Großsanierung und veränderte Bevölkerungsstruktur
Der Mieterverein kümmerte sich in den
90- er Jahren wieder verstärkt um Heizkostenabrechnun-gen und um
Probleme bei der seit 1997 laufenden Großsanierung der
Heimatsiedlung.
Ein vom Mieterverein entsandter
Sanierungsbeirat trat nach kurzer Zeit aus Protest gegen die
schleppende Zusammenarbeit mit der Nassauischen Heimstätte im Jahr
1998 wieder zurück.
Verschärft hatte sich der fortdauernde Konflikt des Mietervereins
mit der Nassauischen Heim-stätte durch die sich stark veränderte
Sozialstruktur der Bewohner. In der Siedlung leben
über-durchschnittlich viele ältere Menschen. Wenn deren Wohnungen
frei werden, werden sie vom Wohnungsamt an Wohnungssuchende mit geringem
Einkommen vergeben. Demgemäß hat sich neben der ungleichen
Mieterstruktur auch der Ausländeranteil vervielfacht. Durch die
Gründung eines „Runden Tisches“ versuchte man Mitte der 90-er Jahre
für eine freundliche Nachbarschaft zu werben.
Die Ausführung und der Verlauf
der auf 10 Jahre ausgelegten Sanierungsarbeiten der Siedlung brachte eine
Auszugswelle alteingesessener Heimatsiedler. Um einer sich abzeichnenden
unausgewogenen sozialen Mieterbelegung entgegen zu wirken und um auch
zukünftig eine möglichst konfliktfreie Mieterstruktur sicher zu
stellen, wurde im Oktober 2003 zwischen der Nassauischen Heimstätte
und dem Magistrat der Stadt Frankfurt ein Kooperationsvertrag ge-schlossen. Darin wird die zukünftige Belegung der Wohnungen neu
geregelt. In einem Woh-nungstauschmodell, das auf zwei Jahre
befristet ist, kann die Nassauische Heimstätte frei wer-dende
Wohnungen frei vermieten.
Die Besonderheit der
Häuserzeile „Unter den Eichen“
Gegen den Trend der Anonymisierung der
Nachbarschaften hat die Häuserzeile „Unter den Eichen“ auf Grund
ihrer besonderen Besitzverhältnisse eine positive Entwicklung
genommen.
Die 26 Einfamilienhäuser, die 1976 an ihre Bewohner verkauft wurden,
wurden im Laufe der Jahre individuell saniert.
Wird ein Haus frei, interessieren sich
in den letzten Jahren zunehmend junge Familien für diesen Typus von
Stadthaus. Teilweise sind es Kinder oder Enkel der ehemaligen Bewohner, die
sich die Häuser nach ihren Bedürfnissen herrichten und die
attraktive Lage der Heimatsiedlung, im Grünen und doch citynah, zu
schätzen wissen. Es sind Angestellte wie Selbst-ständige vertreten. Neben
den jungen Familien leben
einträchtig die Senioren. Man unterstützt
sich bei Reparatur-arbeiten oder es wird spontan eine
Eigentümerversammlung organisiert, um gemeinsam finanzielle
Forderungen der Verwaltung zu besprechen. Hier wohnt wieder der Mittelstand, für den die Heimatsiedlung vor 75
Jahren gebaut wurde. nach oben |